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Stefan Röben






# Hüllen

Der grausame Stich kehrt im Traum wieder. Gewalt wird grausam, wenn sie gegenüber dem Leiden gleichgültig ist. Dann sticht sie ins Mark, das ist das Weichteil. Nur die harte Schale hat Bestand in der Aufklärung, wird aufgenommen in den gedruckten Kanon, der nicht aufhört zu singen und zu brüllen.

In der Umarmung verformt sich aber der Körper, Gedärme verschieben sich im Gerippe; Bindegewebe faltet oder streckt sich. Eine Abbildung kennt diese Verformung nicht. Eine Abbildung kennt auch das Spiel von Wärme und Kühle nicht oder die grenzenlose Ausdehnung des Körpers im Meer.

Die Haut trocknet im Wind. Sie lässt sich nicht trennen von den Äderchen und Drüsen und Knochenvorsprüngen, von den Sehnen und Muskeln, die mäandernde Täler und Gebirge ausformen. Kleidung ist anschmiegsam oder störrisch. Mal ist sie Bild, mal sein Gegenteil. Sie verdeckt oder rahmt, verflacht oder vertieft. Unschärfe, Vergessen, Dunkelheit, Nebel und Delirium sind Kleidungsstücke. Sie können rahmen, dann machen sie den Körper zur Einheit, oder sie verdecken, dann zerfällt der Körper. Der Rahmen um den zerfallenen Körper macht eine neue, künstliche Einheit.

Die Dinge und Maschinen enttäuschen, weil sie keine Menschen sind. Auch die Tiere können enttäuschen. Die Hülle fängt die Enttäuschung auf und macht sie zum Zeichen. So kommt es, dass unsere Tätigkeit «Verpacken» heißt.

Schönheit ist eine Weise, wie Inneres und Äußeres miteinander tanzen. Der Berührung geht keine graduelle Annäherung voraus, wie man sie von der Buchhaltung oder der Empirie kennt, sondern ein gewagter Sprung. Bekanntermaßen ist die harte Ratio für sie blind. Offen für Schönheit ist die Empfindung, und die liegt mal im Bauch und mal in der Brust, mal auch woanders, jedenfalls im Leib.

Der Blick versetzt den empfindenen Leib ins kalte Ferne, aber wenn das Fenster zurückblickt, dann stößt es den Leib in den warmen Organismus zurück. Der erwiderte Blick ist also ein Kokon, der Kokon eine Hülle.

Hülle wiederum kann schützen oder aussetzen. Wasser und Metall sind kalt, weil sie den kalten Wind direkt an die Haut bringen. Wolle und Sand sind warm, weil sie ihn ablenken. Die innere Bewegung ist da. Eine harmonische äußere Bewegung kann sie unterstützen. Wo die innere Welle nämlich übereinstimmt mit der äußeren — sie überlagern sich, da entsteht ein Überfluss, ein fetter Rand um die Welle, und staut Wärme auf. Das Gegenteil beim Widerspruch! Da pfeift der Wind steil ins Wellental und macht schaudern im Innersten.

Die Ökonomie der Aufklärung kennt nur das Harte. Der angeäufte Schmerz aus weichem Wachs dagegen kehrt im Traum wieder, und er bildet getrocknete Versatzstücke aus, die um eine Symbolwelt kreisen: eine spanische Halskrause wird zum steinernen Bogen, dahinter der Platz oder das Gebäude. Die scharfe Kante des Treppenturms wird zur Naht, die hektisch am Unterarm fliehen will, die geisterhafte Leere einer Autostadt zur endlosen Oberfläche, stetigem Fluss von unbedachten Löchern des Gewirks. Diese Müllhalde ist nun das Ornament, das keinen Körper hat zu rahmen.